Sommergefühle für regnerische Herbsttage…
… verspricht Håkan Nessers Buch “Kim Novak badete nie im See von Genezareth” (orig. Kim Novak badade aldrig i Genesarets sjö (1998)).
Zugegebenermaßen lädt der etwas konstruiert und seltsam wirkende Titel nicht sofort zum Lesen ein. Jedoch stellt sich schnell heraus, dass Genezareth der Name für das Sommerhäuschen der Hauptpersonen an einem schwedischen See namens Möckeln ist und Kim Novak nicht viel mit Hollywood zu tun hat.
Der Protagonist Erik Wassman erzählt rückblickend von seiner Jugend in den 60er Jahren in einer schwedischen Kleinstadt. Sein Vater ist Gefängnisaufseher, seine Mutter liegt, tödlich an Krebs erkrankt, im Krankenhaus. Deshalb soll der 14-Jährige mit seinem Schulkameraden Edmund, dessen Vater ebenfalls im Gefängnis arbeitet und dessen Mutter auf Alkoholentzug muss, die Sommerferien unter der Obhut von Henry, Eriks großem Bruder und Journalist, in Genezareth verbringen. Bevor sie jedoch in die Sommerferien starten, erhalten die Jungs noch für die letzten Schulwochen ein neue Lehrerin: Ewa Kaldudis, eine blonde Schönheit, die der drallen Kim Novak zum Verwechseln ähnlich sieht – finden jedenfalls ihre Schüler und strengen sich deshalb nochmal mächtig an. Trotz allem beginnen die Ferien.
Die Schulkameraden, die zunehmend zu Freunden werden, verbringen den Sommer vorerst mit Baden, Lesen und Fahrradfahren. Henry hat sich jedoch nicht nur von seiner Freundin getrennt, sondern auch seinen Job gekündigt, um sich im Sommer dem Schreiben eines Buchs über das Leben, “The real thing”, zu widmen und hackt deshalb die meiste Zeit auf seine Schreibmaschine ein. Kurz jedoch, nachdem sie ihre Lehrerin in Begleitung ihres Freunds, der Handball-Kanone Bertil Albertsson, im Laka-Park getroffen haben, taucht diese plötzlich in Genezareth auf und verbringt die Nacht bei Henry. Nicht nur, dass die 14-Jährigen etwas eifersüchtig sind, sie ahnen bereits, dass man mit “Kanon-Berra” nicht spaßen sollte.
Es wäre kein “richtiges” schwedisches Buch, wenn es nicht noch eine Leiche geben würde. Trotzdem schrieb Nesser mit diesem Buch keinen klassischen Krimi, denn obwohl auch ein Kommisar in Erscheinung tritt, bleibt der Fall bis in die Gegenwart, aus der Erik erzählt, ungelöst und vieles der Interpretation des Lesers überlassen.
Für mich liegt die Qualität des Buches darin, dass es Håkan Nesser gelingt, eine herrlich leichte Sommergeschichte zu schreiben, die trotz beschwerender Ereignisse nicht am Boden festklebt und man sich richtig vorstellen kann, wie zwei Heranwachsende den Sommer genießen, sich mit dem Boot treiben lassen, auf einer Insel im See geschnorrte Zigaretten rauchen, erste Liebe, Lust und Leiden erfahren und bei alledem verliert man nicht das Bild des rot-weißen Sommerhäuschens, das eingerahmt von Birken am See liegt. Auch die Sprache, die sich zwischen angenehmer Erzählsprache und Jugendjargon der 60er bewegt, ermöglicht ein flottes und entspanntes Lesen. Und zu alledem mangelt es in Nessers Büchern nie an Spannung und überraschenden Wendungen.
Fazit: Eine herrlich leichte, durch und durch gelungene Sommergeschichte, die sich zwischen Adoleszenzroman und Krimi bewegt, und für alle, die Saltkrokan schon entwachsen sind, schwedische Ferienhäuschen-Stimmung bereit hält.

