Birgit Lautenbach, Johann Ebend: Hühnergötter (Hiddensee-Krimi)

Auf Hiddensee sind Einheimische und Urlauber geschockt: die kleine Leonie ist aus ihrem Kinderwagen entführt worden, vom Täter fehlt jede Spur. Wie lange kann das Baby ohne ihre Mutter überleben? Warum findet die Polizei das Kind auf dem Eiland in der Ostsee nicht?

Das Buch ist was Größe (17,6 x 10,4 x 1,2 cm), Preis (8,90 Euro) und Umfang (143 Seiten) angeht die ideale Urlaubslektüre für den Strand. Insel-Charme und -Flair kommen einfach gut rüber, man taucht in die Handlung ein und spürt den Sand zwischen den Zehen. Die Sprache ist recht nüchtern und der Situation angemessen, es ist kein Rührstück, das von Tränen und entführten Babies lebt, die riesige Augen haben. Dennoch schafft es die Sprache den Schmerz und die Wut gerade von Marie, Leonies Mutter, mitfühlen zu lassen. Auf der anderen Seite finden sich dann so schöne, humorige Wörter wie Dösbaddel und Kaventsmänner, die man eben viel zu selten in den Mund nimmt.

Den Charme des Buches machen auch die Wechsel der Erzählperspektive aus, also aus Sicht eines Polizisten, aus Sicht von Marie, und am meisten berührt hat mich die Schilderung aus Sicht des entführten Babys. Erst: ohwei, Schmonzette, und dann war das unheimlich erschreckend. Auch die Parallel Jäger – Gejagte lässt einen mitfiebern. Ebenso wird die Sicht der Täterin lang und breit geschildert, ihre Pläne, wie sie nicht auffallen und wie sie an neue Psychopharmaka kommen will, wie sie das Kind von der Insel schmuggeln könnte. Gruselig!

Etwas unsicher bin ich in der Beurteilung der Figur Marten Buhrow. Ganz anders bei Oliver, dem Vater von Leonie. Ich war richtiggehend erleichtert, dass seine Frau sich überwindet, und diesem untreuen Idioten endlich eine reinhaut. Da waren meine Emotionen ganz klar. Aber wie gesagt Marten Buhrow, da schwanke ich noch, weil ich etwas gestutzt habe. Er ist um die 30 und lebt mit seiner Mutter zusammen. Er gilt als geistig zurückgeblieben, autistisch. Das Buch beginnt mit einem Spaziergang, den er jeden Morgen macht. Dabei findet er ein Baby am Strand. Seine Gefühle und Empfindungen, seine Beobachtungen in dieser Anfangssequenz sind derart komplex, das sie nicht zu einem geistig zurückgebliebenen Jungen passen, eher zu einem hochintelligenten Autisten. Dieser Buchbeginn ist also ein Rückblick und endet damit, dass Marten das Baby mitnimmt und sein Elternhaus betritt. Nun, Zeitsprung ins heute, als Leonie verschwindet, gerät er in den Fokus der Medien und wird dort als Kindsentführer, regelrecht als Monster vorgeführt. Ich muss gestehen, dass ich keinen Zusammenhang erkennen kann, denn das Baby aus der Vergangenheit war offensichtlich ausgesetzt worden und nicht entführt worden. In meinen Augen hat er damals also nichts Unrechtes getan, was ihm heute zur Last gelegt werden könnte.

Inselflair, verschiedene Erzählperspektiven und eine nüchterne Sprache machen den Reiz dieses Buches aus.

Rezension von Kristine Greßhöner